Hard Core Body Relics
Thomas Jochers
Schwellkörper
Die gegenwärtige Aktualität der Problematik des Körpers und seiner Repräsentation, nicht nur in der Kunst, ist Indikator für eine sich abzeichnende Neubewertung des Subjekts nach seiner modernen und vor allem postmodernen Dekonstruktion. Die Wiederkehr des Körpers ist, zeichentheoretisch gesprochen, auch die Wiederkehr des Referenten in ein scheinbar signifikantenbeherrschtes Reich der Zeichen. Auch wenn ein unhinterfragter Realitätsbegriff nicht wieder eingeführt werden kann, so zwingen bestimmte Erfahrungen mit leidvollen physischen Konsequenzen zu einer neuerlichen Aufmerksamkeit gegenüber den Differenzen zwischen den Diskursen und ihren Objekten. (Wenngleich es fatal wäre, von einer Trennung zu sprechen oder sie anzustreben. Denn Subjektivität als Rückzug ins Innere, wie dies etwa weiten Teilen der Malerei der achtziger Jahre noch praktikabel erschien, ist nichts als die exakte Abbildung der gesellschaftlich eingeforderten und kontrollierbaren Privatheit des Individuums.)
In Konkurrenz zur Eigendynamik der Rede und der Autonomisierung der Simulationsmaschinerie also den Referenten, in diesem Fall den Körper, ins Spiel zu bringen, kann nur heißen, ihn als einen problematisierten zu begreifen. Dies impliziert die Unmöglichkeit mimetischer Repräsentationsmodelle, da die Idee einer direkten Verbindung zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem längst als illusionär erkannt wurde. Die Rede vom Körper, in weiterer Folge vom Subjekt, wird nur in dem Maße produktiv sein, als sie seine Konditionierung aus den politischen und sozialen Dispositiven einrechnet, ihn also nicht als deren anderes versteht. Schließlich ist es das Zusammenspiel wissenschaftlicher, moralischer, politischer und kultureller Diskurse und deren jeweils bestimmbarer Realinteressen, aus dem sich die normativen Ansprüche an den Körper und sein Bild aufbauen - von Aids über die Geschlechterrolle bis zur plastischen Chirurgie und technischen Reproduktion des menschlichen Lebens. Von daher ist jede Form des Essentialismus, den die Körperkunst der sechziger und siebziger Jahre noch für sich in Anspruch nahm, von vornherein ausgeschlossen. Der Grund, weshalb sich der Körper in den ihn überlagernden Reden dennoch nicht restlos auflöst und in irgendeiner Form immer wieder Potentiale des Widerstands aktiviert, liegt in den Grenzen seiner Verarbeitungskapazität. Der psycho-physische Etat als temporales Reservoir an Reaktions- und Aktionsmöglichkeiten,gebildet aus den permanenten input/output-Prozessen der Strukturierung von Körper-lch und Sozial-Subjekt, ist ohne störungsverursachende Unvereinbarkeiten nicht denkbar.
Thomas Jochers Schwellkörper sind gekennzeichnet einerseits durch die reduktionistische Herabstufung von Körperlichkeit auf die rein materielle Hardware einer programmierbaren Masse oder umgekehrt den harten Kern körperlicher Identität nach Abzug aller sie determinierenden sozialen und psychologischen Variablen. Andererseits durch die Vervielfachung dieser hypothetischen Identität auf eine grundsätzlich unabgeschlossene Anhäufung minimal differierender Teilkörper, von denen jeder so tut, als wäre er ein ganzer und einziger. Das Phantasma der Identität ist so auf zweifache Weise ad absurdum geführt, wenngleich Identität als Wunschbild immer am Horizont erscheint. Hier geht es also nicht allein um das Schicksal des Körpers im Manipulationsgefüge der Macht und Herrschaftsansprüche einer institutionalisierten Gesellschaft, es geht auch um das Subjekt, das sich als nicht identisch erkennt, als einen prozessual definierten Ort, an dem die einzelnen Teilsubjekte oder Subjektfragmente miteinander im Streit um die Nachfolge der freigewordenen Stelle liegen. Damit ist die heute wohl grundlegendste Frage im Zusammenhang der Bestimmung von Subjektivität angesprochen: Wie sind nicht-identische Subjekte handlungsfähig, und wie können sie für ihre Handlungen Verantwortung tragen?
Christian Kravagna
(aus dem Katalog Thomas Jocher, Galerie 5020,1994)